Umfrage-Design: Effektive Fragen zur psychischen Gesundheit
Grundprinzipien
1. Klarheit und Verständlichkeit
Verwenden Sie einfache, klare Sprache:
- ✅ “Fühlen Sie sich bei der Arbeit gestresst?”
- ❌ “Empfinden Sie arbeitsbezogene psychosomatische Belastungserscheinungen?”
Vermeiden Sie Fachjargon:
- ✅ “Haben Sie ausreichend Zeit für Ihre Aufgaben?”
- ❌ “Ist Ihre Arbeitsbelastung adäquat dimensioniert?”
2. Neutralität und Objektivität
Neutrale Formulierungen:
- ✅ “Wie bewerten Sie die Kommunikation in Ihrem Team?”
- ❌ “Ist die Kommunikation in Ihrem Team nicht schlecht?”
Keine Suggestivfragen:
- ✅ “Wie unterstützt Sie Ihre Führungskraft?”
- ❌ “Unterstützt Sie Ihre Führungskraft nicht genug?”
Kategorien psychischer Belastungsfaktoren
1. Arbeitsinhalt und -aufgabe
Vollständigkeit der Aufgabe:
"Kann ich meine Arbeitsaufgaben von Anfang bis Ende bearbeiten?"
Skala: Nie - Selten - Manchmal - Oft - Immer
Abwechslungsreichtum:
"Bietet meine Arbeit ausreichend Abwechslung?"
Skala: Gar nicht - Wenig - Teilweise - Gut - Sehr gut
Anforderungsvielfalt:
"Kann ich verschiedene Fähigkeiten bei meiner Arbeit einsetzen?"
Bewertung: 1 (trifft nicht zu) bis 5 (trifft voll zu)
2. Arbeitsorganisation
Handlungsspielraum:
"Wie viel Einfluss haben Sie auf die Reihenfolge Ihrer Arbeitsaufgaben?"
â–ˇ Keinen Einfluss
â–ˇ Geringen Einfluss
â–ˇ Mittleren Einfluss
â–ˇ GroĂźen Einfluss
□ Vollständige Kontrolle
Zeitdruck:
"Wie oft haben Sie zu wenig Zeit fĂĽr Ihre Aufgaben?"
Häufigkeit: Nie - Selten - Gelegentlich - Oft - Ständig
Arbeitspensum:
"Ist Ihre Arbeitsbelastung angemessen?"
â–ˇ Viel zu niedrig
â–ˇ Zu niedrig
â–ˇ Angemessen
â–ˇ Zu hoch
â–ˇ Viel zu hoch
3. Soziale Beziehungen
Kollegiale UnterstĂĽtzung:
"Bei Problemen kann ich mich auf meine Kollegen verlassen."
Zustimmung: Stimme nicht zu - Stimme eher nicht zu - Neutral - Stimme eher zu - Stimme voll zu
Vorgesetztenverhalten:
"Meine FĂĽhrungskraft gibt mir konstruktives Feedback."
â–ˇ Nie
â–ˇ Selten
â–ˇ Gelegentlich
□ Regelmäßig
□ Sehr häufig
Teamklima:
"Die Zusammenarbeit in meinem Team ist gut."
Bewertung: 1 (trifft gar nicht zu) bis 7 (trifft vollständig zu)
4. Arbeitsumgebung
Physische Bedingungen:
"Mein Arbeitsplatz ist ergonomisch gestaltet."
â–ˇ Trifft nicht zu
â–ˇ Trifft eher nicht zu
â–ˇ Teils/teils
â–ˇ Trifft eher zu
□ Trifft vollständig zu
Lärm und Störungen:
"Wie oft werden Sie bei der Arbeit durch Lärm gestört?"
Skala: 0 (nie) bis 10 (ständig)
Fragetypen und Skalierung
1. Likert-Skalen (5-Punkt)
Optimal fĂĽr Einstellungsmessung:
"Ich fühle mich in meinem Job wertgeschätzt."
1 - Stimme ĂĽberhaupt nicht zu
2 - Stimme nicht zu
3 - Weder noch
4 - Stimme zu
5 - Stimme vollständig zu
2. Häufigkeitsskalen
FĂĽr Verhaltensabfragen:
"Wie oft arbeiten Sie länger als geplant?"
- Nie (0 Mal pro Woche)
- Selten (1-2 Mal pro Monat)
- Gelegentlich (1-2 Mal pro Woche)
- Oft (3-4 Mal pro Woche)
- Täglich
3. Bewertungsskalen (1-10)
Für subjektive Einschätzungen:
"Wie bewerten Sie Ihr aktuelles Stressniveau bei der Arbeit?"
1 (sehr niedrig) ——————————————————— 10 (extrem hoch)
Validierte Fragebogen-Module
Copenhagen Psychosocial Questionnaire (COPSOQ)
Empfohlene Kurz-Items:
Emotionale Anforderungen:
- “Wird von Ihnen verlangt, Ihre Gefühle zu verbergen?”
- “Müssen Sie sich emotional belastende Situationen zumuten?”
Work-Life-Balance:
- “Sind die Anforderungen Ihrer Arbeit mit Ihrem Familien- und Privatleben vereinbar?”
Führungsqualität:
- “Löst Ihre unmittelbare Führungskraft Probleme und Konflikte gut?”
Job Content Questionnaire (JCQ)
Psychische Anforderungen:
- “Meine Arbeit erfordert es, sehr schnell zu arbeiten.”
- “Meine Arbeit erfordert es, sehr hart zu arbeiten.”
Entscheidungsspielraum:
- “Meine Arbeit erfordert es, kreativ zu sein.”
- “Ich habe viel zu sagen bei dem, was bei meiner Arbeit passiert.”
Sensible Themen richtig ansprechen
1. Mobbing und Diskriminierung
Indirekte Herangehensweise:
"In den letzten 6 Monaten haben Sie erlebt..."
□ Ausschluss aus wichtigen Gesprächen
â–ˇ Unangemessene Kritik vor anderen
â–ˇ Ignorieren oder Schweigen als Reaktion
â–ˇ ZurĂĽckhalten wichtiger Informationen
â–ˇ Nichts davon
2. Burnout-Symptome
Ohne medizinische Diagnose:
"Wie oft fĂĽhlen Sie sich..."
- Emotional erschöpft: Nie - Selten - Manchmal - Oft - Immer
- Zynisch gegenĂĽber der Arbeit: Nie - Selten - Manchmal - Oft - Immer
- Weniger leistungsfähig als früher: Nie - Selten - Manchmal - Oft - Immer
3. Suchtverhalten (arbeitsbezogen)
Screening-Fragen:
"Arbeiten Sie auch dann weiter, wenn Sie krank sind?"
"Denken Sie oft an die Arbeit, obwohl Sie frei haben?"
"FĂĽhlen Sie sich schuldig, wenn Sie nicht arbeiten?"
Umfrage-Struktur
1. Einstieg (Warm-up)
Leichte, positive Fragen:
- “Was gefällt Ihnen an Ihrer aktuellen Tätigkeit?”
- “Welche Stärken bringen Sie in Ihr Team ein?”
2. Hauptteil (Kern-Assessment)
Systematische Abfrage aller Faktoren:
- Arbeitsinhalt (5-8 Fragen)
- Arbeitsorganisation (8-12 Fragen)
- Soziale Beziehungen (6-10 Fragen)
- Arbeitsumgebung (4-6 Fragen)
3. Abschluss (Lösungsorientierung)
"Was wĂĽrde Ihre Arbeitssituation am meisten verbessern?"
â–ˇ Bessere Work-Life-Balance
□ Mehr Anerkennung und Wertschätzung
â–ˇ Klarere Aufgaben und Ziele
â–ˇ Bessere FĂĽhrung
â–ˇ Verbesserte Arbeitsbedingungen
□ Mehr Entwicklungsmöglichkeiten
Länge und Zeitaufwand
Optimale Umfragelänge
- Kern-Assessment: 15-20 Minuten (30-40 Fragen)
- Kurz-Check: 5-8 Minuten (12-15 Fragen)
- Umfassende Analyse: 25-30 Minuten (50-60 Fragen)
Aufmerksamkeitsspanne
- Kritischer Punkt: Nach 15 Minuten sinkt die Antwortqualität
- Lösung: Fortschrittsanzeige und Zwischenspeicherung
- Pausen: Option fĂĽr Unterbrechung und Fortsetzung
Häufige Fehler vermeiden
❌ Doppelfragen
Schlecht: “Sind Sie zufrieden mit Ihrer Arbeit und Ihrem Team?” Besser: Zwei separate Fragen
❌ Zu spezifische Fragen
Schlecht: “Wie bewerten Sie die Kaffeepausen-Regelung?” Besser: “Haben Sie ausreichend Erholungspausen?”
❌ Extreme Antwortoptionen
Schlecht: “Niemals” bis “Immer” Besser: “Sehr selten” bis “Sehr oft”
❌ Unausgewogene Skalen
Schlecht: 3 positive, 1 negative Option Besser: Symmetrische 5-Punkt-Skala
Pilotierung und Qualitätssicherung
Pre-Test Checkliste
- 5-10 Personen aus der Zielgruppe testen
- Verständlichkeit aller Fragen prüfen
- Zeitaufwand messen
- Technische Funktionalität überprüfen
- Datenqualität der ersten Antworten analysieren
Kontinuierliche Verbesserung
- Item-Analyse: Welche Fragen werden oft ĂĽbersprungen?
- Reliabilitäts-Check: Konsistenz der Antworten
- Validitäts-Prüfung: Messen wir, was wir messen wollen?
Benötigen Sie Unterstützung beim Fragendesign?
Unser Expertenteam hilft Ihnen gerne: consulting@safe-mind.de